The Clearing
Ein Versuch des Bewahrens
Alle paar Jahre im Spätherbst spielen Wolf Alice ein Konzert in Köln und lassen mir danach noch eine Reihe von Tagen die Seele klingen. Das ist insofern bemerkenswert, als dass sie jetzt schon, je nachdem, wie man zählt, 13 oder 15 Jahre zusammen und davon mindestens die letzten 10 Jahre davon erfolgreich sind, jedenfalls wenn man Indie-Band-Maßstäbe anlegt. Sie haben nach zwei EPs nun bereits vier Alben herausgebracht, von denen ich jedes auf Vinyl besitze und die mir allesamt noch immer phantastisch gefallen. Das ist tatsächlich keiner meiner Lieblingsbands aus den früheren Jahren gelungen, nicht den Arctic Monkeys, nicht Franz Ferdinand, nicht Interpol, nicht Blur, nicht Suede, nicht Soundgarden, nicht Pearl Jam, Nirvana, Stone Roses und Elastica schon gar nicht und auch nicht Big Country. Vielleicht den Pixies, aber da war die Zeitspanne wesentlich kürzer. Wolf Alice habe ich erst 2018 entdeckt, da hatten sie schon zwei Alben draußen (Our Love is Cool, Visions of a Life) und bereits zweimal in Köln gespielt (Bahnhof Ehrenfeld und Luxor, wie gerne hätte ich das damals miterlebt). 2018 hatten sie den Mercury Price bekommen und ihr Konzert am 13. Dezember wurde fürs Palladium vorgesehen, dann aber glücklicherweise ins Gebäude 9 verlegt. Ich erlebte einen ersten rauschhaften Abend mit der Band. Dann kam die Pandemie, mittendrin ihr drittes Album (The Blue Weekend) und die Virusvariante Omicron verhinderte gerade noch so ihren Auftritt am Valentinstag 2022 im Luxor, so dass das Konzert im November in der Kantine stattfand. Was mir einen zweiten rauschhaften Abend mit der Band bescherte.
Danach wechselte Wolf Alice auf ein Major Label, brachte in diesem August das vierte Album heraus (The Clearing), man ließ wieder das Palladium für ihren Kölner Tourstop buchen. Abermals war das Schicksal gnädig (mir, nicht dem Label) und offenbar schleppender Kartenverkauf ersparte mir zum zweiten Mal die seelenlose Halle und schickte mich stattdessen gegenüber ins E-Werk, wo Bühne, Sound und Sicht um Längen besser sind. So durfte ich einen drittem rauschhaften Abend mir der Band durchleben.
Es mag sich wie die turnusmäßige Wiederkehr des Gleichen lesen, aber das war es nicht. Auch wenn ich Wolf Alice vom ersten Moment an, in dem sie mir gewahr wurden, für ihre erste Platte liebte, vollziehe ich doch die Entwicklung in jedem Album zu einer partiell anderen, reiferen Band nach. Das Faszinierende ist, dass sie bei jeder Reifungsschicht, die sie entwickelt, weiterhin Songs knospen lässt, die schlicht unverwechselbare Wolf-Alice-Songs sind, ohne dass sich die Stilelemente zu sehr gleichen, dass einem das neue wie ein verhallender Abklatsch des Alten vorkommt oder der neue Stil es einfach nicht mehr mit dem alten aufnehmen kann. Videostreamingplattformen geben uns seit nun schon zwei Jahrzehnte die Möglichkeit, an filmischen Sequenzen die Entwicklung junger Menschen hin zu mehr oder weniger Erwachsenen nachzuverfolgen und in der auf der Bühne so selbstbewussten, in Zügen glamourösen gegenwärtigen Ellie Rowsell meint man noch immer Spuren des schüchternen kniewippenden und auf die Saiten der eigenen Gitarre starrenden Mädchens auszumachen, das gerade seine ersten Schritte in der Öffenlichkeit machte. Bei anderen würde man sich vielleicht wundern, weshalb sie eine Art Turnanzug mit kniehohen Winterstiefeln kombinieren, bei Ellie nimmt man es einfach als Teil ihres musikalisch-darstellenden Ausdrucks hin. Aber man hält sie ja eh für das das liebenswerteste Wesen dieses Planeten, jedenfalls, wenn man seine Frau, die eigenen Kinder und vielleicht den Besuchskater aus dem Wochenendhaus von dieser Betrachtung ausklammert.
Das Konzert, über das ich hier ja eigentlich schreiben wollte, bevor ich wieder in verschiedene Richtungen abgebogen bin, begann bereits viel besser als erwartet, weil die Vorband (Florence Road), von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte, sich vom ersten Ton an (man begann mit Figure it out) in mein Herz grätschte. Dafür, dass Vorbands ja eher runtergepegelt werden, um den Hauptact nicht zu gefährden, waren sie mit ihrer Shoegaze-Irish-Folk-Mischung mit Anklängen von Heavy Metal bemerkenswert druckvoll. Wolf Alice konnten sie natürlich trotzdem nicht toppen. Niemand kann das. Aber wenn die vier irischen Mädels (was ist eigentlich noch ein adäquater Ausdruck für junge, sich als Frauen identifizierende Menschen?) noch einmal zu einem Konzert nach Köln zurückfinden sollten, werde ich mir das wohl nicht entgehen lassen wollen.
Ich würde gerne beschreiben können, was auf der Bühne, vor derselben, mit der Welt im Allgemeinen und im Besonderen mit mir, dort am Rand des Geschehens an die Wand gelehnt, geschah in den knapp 90 Minuten zwischen “Did it help to take the thorn out, telling the whole world you’ve been hurt” und “I see the signs of a lifetime, you ‘til I die”, aber die Musen sind mir nicht ausreichend hold, diese Aufgabe hier in dieser Gegenwart angemessen zu bewältigen. Am Ende hatte Wolf Alice “The Clearing” fast durchgespielt und dabei auch keines der drei früheren Alben vernachlässigt, im Gegenteil teilweise neu (und für Ellie mitunter etwas stimmschonender, weil Megaphon) arrangiert, zwei Zugaben gegeben und mir die Gelegenheit eingeräumt, jenseits der durchlebten Empfindungen wieder etwas zu Atem zu kommen. Nach einem Anschlussbier mit meiner netten Konzertbegleitung und einer Radfahrt durch die angenehm kalte Nacht rief mich noch Vater Rhein zu einer kurzen Audienz. Am sternenklaren Südosthimmel ließ er mir Orion künden, dass der Winter gekommen sei. Noch immer war mir warm ums Herz.
Mnemosyne webte die Empfindung zur Erinnerung.
Polyhymnia verdichtete die Erinnerung zu Worten.
Kalliope ordnete die Worte zu Buchstaben des Textes.
Denn Buchstaben sind die letzten Bestandteile der Dinge.


