WM ist Geschichte
Und wie es meine Art ist, schreibe ich sie auf.
Die Männerfussballweltmeisterschaft ist beendet und tatsächlich diesmal zum überwiegenden Teil an mir vorbeigegangen, was einer Mischung aus FIFA-induzierter Unlust, nächtlichen Anstoßzeiten, Verbannung einer Reihe von Spielen (zwei Viertelfinals!) hinter Bezahlschranken und vielleicht auch dem abermals (diesmal vollends verdienten) frühen Ausscheiden der deutschen Mannschaft geschuldet war.
Spätestens zu den Halbfinals bekam der Fußball dann allerdings wieder die Präsenz bei mir, die ich von großen Turnieren gewohnt bin und der Verlauf und Ausgang der drei Spiele, die ab da noch etwas zählten, haben mich insgesamt auch mit dieser WM versöhnt. Zwar haben Frankreich (mit demselben) und England (mit einem neuen Trainer) bei diesem Turnier mit ihren hochtalentierten Fussballern den Sport weit weniger gequält als ihnen das in früheren Turnieren gelungen war. Aber es scheint fast so, als sei im Muskelgedächtnis ein Rest der Destruktion steckengeblieben, die diese beiden Mannschaften in den letzten Jahren antrieb, Spiele zu verwalten, statt sie zu gestalten. Und als hätte dies dazu geführt, dass beide Mannschaften im Halbfinale völlig zurecht gegen haushoch überlegene Gegner verloren und zwar auf zwei Arten, die unterschiedlicher kaum hätten ausfallen können.
Die Franzosen fanden nicht den zartesten Zugriff auf das Spiel, das ihnen die Spanier gekonnt entzogen, obwohl sie sich auf wahrscheinlich jeder Position einen überlegenen Individualisten gegenüber sahen. So ein totaler Triumph des Zusammenspiels über die Summe der Einzelteile ist nicht jeden Tag in solch einer Reinheit beobachtbar und könnte als Parabel auf alles mögliche herangezogen werden, wenn man es denn wollte.
Ähnliches ließe sich über das andere Halbfinale sagen, allerdings scheiterten die Engländer hier nicht an einer überlegenen Spielidee, sondern an einem Defizit, das ihre eigene Mentalität gegenüber der der argentinischen Mannschaft aufwies, nachdem diese erst einmal in Rückstand geraten war. In der ersten Halbzeit wurden die Engländer von den Argentiniern mit übermäßiger Härte gequält, hielten aber noch gekonnt und Premier-League-gestählt dagegen. Doch nach der eigenen Führung wurden sie – jetzt allerdings fair und mit spielerischen Mitteln – aufgefressen und wehrten sich kaum noch dagegen. Kurz vor dem Siegtreffer für Argentinien versuchte es Bellingham zumindest und lief allein, bar jeder Unterstützung seiner paralysierten Kameraden, mit dem Ball endlich einmal weit weg vom eigenen Tor in die gegnerische Hälfte, wo er dann von direkt drei Gegenspielern zur Strecke gebracht wurde. Im direkten Anschluss bauten die Argentinier behutsam auf, fanden abermals eine Lücke, wieder rückte niemand raus, McAllister schoss gegen den Pfosten, Messi holte sich den Abpraller und flankte passgenau auf den Kopf von Lautaro. Der Rest ist Geschichte.
Das im Weltfußball wahrscheinlich (zumindest gegenwärtig) einzigartige Mobilisierungspotential der Argentinier konnte man auch im Finale noch einmal für kurze Zeit bestaunen. Wieder riefen sie dieses erst nach dem Rückstand ab und für Spanien war es ein Segen, dass sie einen Mann mehr auf dem Feld und nur noch wenige Minuten zu überstehen hatten. So wurden bloß noch zwei Schüsse auf das spanische Tor abgegeben (und damit die ersten überhaupt in dem Spiel), von denen allerdings auch einer hätte reingehen können. Doch so beeindruckend diese Vorstellung kurz vor Abpfiff auch war: Ein Ausgleich (und in seiner Folge ein Elfmeterschießen) hätte mich doch sehr gegrämt, bei all den Minuspunkten, die die Argentinier im Laufe des Turniers angehäuft hatten durch ihre ruppige Spielweise, ihr kaum unterbrochenes Lamento und ihr ständiges Bestreben, in jeder Minute jedes Spiels stets die erfolgversprechendste Aktion zu wählen, wenn es auch die unfairste sein mag.
Und so wurde Spanien ein überaus verdienter Weltmeister, ohne über allzu überragende Einzelkönner zu verfügen, die während der WM medial extrem hochgejazzt wurden (Lamine war ja eher spanischer Durchschnitt). Bemerkenswert ist, dass, obwohl das Geheimnis des schönen spanischen Spiels nun schon jahrelang bekannt ist, die anderen Nationen diesem aber abermals nichts entgegensetzen konnten. Auch zwischen 2008 und 2014 hat es gedauert, bis das damalige spanische Spielsystem soweit decodiert war, dass es für eine Dekade erfolg- na, zumindest titellos blieb. Meine Erinnerung mag mich trüben, aber das einzige Mal, dass Spanien bei den letzten beiden Turnieren an den Rand einer Niederlage gebracht wurde, ereignete sich am 5.7.2024 in Stuttgart, im Viertelfinale der EM gegen Deutschland. Die Herangehensweise der Deutschen an die Sache war der argentinischen gar nicht so unähnlich: Sie verwandelten das Spielfeld in eine offene Feldschlacht, Kroos trat in seinem letzten Spiel nach ein paar Minuten Pedri vom Platz und die vogelfreie deutsche Offensivtaktik (die auch erst nach Rückstand einsetzte) presste den Spaniern in diesem einen Spiel 2,15 expected Goals ab, was mehr sein dürfte, als die Iberer in den acht Spielen der zurückliegenden Weltmeisterschaft AUFADDIERT (!) zugelassen haben und da ist der nicht gegebene Handelfmeter noch nicht einmal einberechnet. Doch am Ende der Verlängerung dieser Intensitätshölle hatte der eingewechselte Merino mehr Sprungkraft als der ausgepumpte Rüdiger. Und auch hier ist der Rest Geschichte. Aber vielleicht eine, aus der jemand lernen kann.


