Abbrüche, Aufbruch
Vom Jahresende her gesehen
Mit “bleibt konsensorientiert“ schloss ich meinen Jahresendpost vor genau 365 Tagen (noch auf einer anderen Plattform) und, wie nicht anders zu erwarten war, wurde das weitgehend ignoriert. Meine virtuelle Social-Media-Welt, die über mehr als 12 Jahre vor allem bei Twitter verankert war, ist endgültig in diverse Fragmente zerbrochen und ihre Summe ergibt bei Weitem nicht mehr das, was sie einst auszeichnete. Der eher gemächlichen Prozess meiner Entfremdung von Twitter und seinen Bewohner:innen, der schon ein paar Jahre anhielt, wurde rasend überholt vom destruktiven Kurs des neuen Besitzers, der in einem wahnwitzigen Tempo fast den gesamten Rest dessen zertrümmerte, das mir einst ans Herz gewachsen war. Auf der einen Seite sollte ich froh sein, denn so blicke ich nicht mehr jeden Tag in Abgründe, die vom Weltgeschehen gerissen werden in Menschen, deren Urteilsvermögen ich einst schätzte. Auf der anderen Seite sorgte Twitter über eine ganze Zeit lang dafür, dass es einen Raum gab, in dem ich meine eigene Weltauffassung mit derjenigen von vergleichbar interessierten abgleichen und damit auch schärfen konnte. Nun mag dies auch auf den Nachfolgeplattformen möglich sein, aus irgendeinem Grund aber fühle ich mich dort im Ausdruck gehemmt. Für mich ist es, als wenn ich aus einer vertrauten Umgebung, in der ich das eigene (natürliche?) Verhalten als allgemein akzeptiert annahm, in einen neuen Kulturkreis überwechsele, wo ich noch nicht mal weiß, welche Klamotten ich jetzt am besten anziehe, ohne allzu offensive zu wirken. Ich mich nun definitiv wieder alleiner, online.
Umso glücklicher bin ich über die festen Bande, die mich im realen Leben in der Welt halten. In einem angenehm langsam evolvierenden Prozess emanzipieren sich die Kinder von unserer Fürsorge und schmieden ihre eigenen Lebenspläne (um). In ein paar Monaten wird auch K2 seine Schulzeit abgeschlossen haben und wir nie mehr an die Schulferien gebunden sein. Die Tektonik unserer Lebensentwürfe ist davon natürlich nicht unbeeinflusst, es bieten sich völlig neue Möglichkeiten der Freizeit- und auch teilweise der Berufs(aus)gestaltung. Das sind ja oft auch willkommene Anlässe, hier ein paar Reflexionen aufzuschreiben, nach 52 lose mit der Corona-Pandemie verbandelten Post habe ich ja wieder auf das allgemeine ich-und-wie-ich-die-Welt-sehe-Ticket umgebucht. Das scheint zumindest fast im Monatsrhythmus Beiträge zu generieren, seit meinem Start auf dieser Plattform im April gab es Meldungen zu vier Tagen in Dublin, zu Sauerlandradtouren, zu Jugenderinnerungen, zum Kölner Kulturprogramm und zum Suff.
Die Gewitterwolken des allgemeinen Weltgeschehens sind auch 2023 wieder dichter geworden und haben zu weiteren entsetzlichen Entladungen geführt, ohne dass diese die Gesamtsituation auch nur ein Stück weit entspannen konnten. Über alle politischen Lager hinweg (und das ist das eigentlich bemerkenswerte) dürfte es einhellige Meinung sein, dass nahezu allen Bereichen die Aussichten für 2024 mindestens sehr trübe sind. Nun hänge ich ja dem festen Glauben an, dass es umso schlimmer kommt, je mehr Leute sich gegenseitig genau darüber versichern, denn Pessimismus erscheint mir zu einem guten Teil auch selbsterfüllend. Frustrierte tendieren zur Radikalisierung und was immer auch daraus folgt, es wird nix Gutes. Das soll nun kein Plädoyer sein für ein vulgäroptimistisches “Weiter so!”, weil et hätt noch immr jut jejange. Aber es kostet nur wenig Überwindung, Dinge aus eigenem Antrieb anzupacken, möglicherweise zu scheitern, noch einmal anzupacken, das Beste zu hoffen und nicht immer nur das Schlimmste, mal auf eine gute Wendung zu hoffen und den Weltuntergang erst dann zu feiern, wenn er denn auch gekommen ist. Doch jetzt begehe ich erst einmal Silvester in der Kölner Böllerverbotszone. Geht doch.
Habe einen guten Start ins neue Jahr, falls Du überraschend bis ans Ende dieses Textes gekommen sein solltest, liebe:r Lesende:r!


